Anlässlich eines landesüblichen Empfanges bereitete die Schützenkompanie Zirl den Bundesminister Andrä Rupprechter einen herzlichen Empfang mit einer mustergültigen Salve vor dem Gemeindehaus. Vom Bürgermeister gebeten, einen kurzen Bericht über den Beginn des 1. Weltkrieges zu bringen, kamen wir diesem Wunsch sehr gerne entgegen und unser Schriftführer Oberjäger Pepi Suitner brachte in eindrucksvoller Weise diesen zum Ausdruck.

Beginn des 1. Weltkriegs in Tirol vor 100 Jahren – Geschehnisse in Zirl und in dem Trentiner Grenzort Vermiglio!

Viel wird in diesen Tagen vom Beginn des 1. Weltkrieges in Tirol vor 100 Jahren geredet und geschrieben. Ich möchte beispielhaft Geschehnisse jener Zeit in Zirl und im kleinen Grenzort Vermiglio beschreiben. Das Zirler Heimatbuch von Norbert Prantl sagt über die Zeit um 1914 folgendes: Die Alten meinten oft: „Ein Krieg liegt schon lang in der Luft“!

Als die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgerpaars in Sarajevo kam – es war am Peter und Paulstage – war allen klar, dass es jetzt tatsächlich Krieg geben würde. Entgegen der Landesverfassung kam es auch in Tirol zur allgemeinen Mobilisierung und am 4. August 1914 zogen aus Zirl ca. 80 Mann mit ihren Koffern, begleitet von ihren Frauen und Kindern zum Bahnhof, um schnellstens ihre Garnisonsorte zu erreichen!
85.000 Tiroler waren es insgesamt die 1914 für den Kaiser nach Galizien und Russland in den Krieg ziehen mußten. Am 23. Mai 1915, es war der Pfingstsonntag, kam die Nachricht: „Der König von Italien hat mir den Krieg erklärt“! Damit war im Süden unseres Landes eine 440 Kilometer lange Front entstanden. Die Heimat war in allergrößter Not! Die wehrfähigen Tiroler waren ja an der Front im Osten und fehlten nun Daheim zur Verteidigung unserer Grenzen!
Gemäß Tiroler Landsturmordnung rief der Kaiser die Tiroler Standschützen zur Verteidigung, die Jungen ab 18 und die älteren ab 42 bis 60 Jahren und darüber wurden jetzt eingezogen. Am 18. April 1915 erging an die Standschützen des Gerichtsbezirkes Hörtenberg das Aufgebot zur „Inspizierung“ und am 21. Mai erfolgt die Einberufung. Das Bataillon Innsbruck III / Telfs (es entspricht in etwa dem heutigen Bataillon Hörtenberg) rückte in einer Stärke von 480 Mann aus. Bataillonskommandant war der Telfer Kaufmann Johann Heiß als Major.
Die Zirler Kompanie befehligte der Müllermeister Franz Gastl als Hauptmann. Mit der Bahn geht´s nach Bozen und weiter nach Kronmetz (Mezzocorona) und ab Malé zu Fuß durch das Sulztal (Val di Sole) zum Tonalepass. In dem Abschnitt waren die Zirler und Hörtenberger Standschützen, zusammen mit den Standschützen aus Cles, Cuisano, Kaltern, Malé, Ulten und Fondo bis Kriegsende eingesetzt. Die Bataillone Innsbruck I / II und III / Telfs, verteidigten die Grenze in den Abschnitten Ortler, Tonale, Judikarien bis zum Gardasee. Diese Standschützen trugen bis 1918, neben ganz wenigen regulären Kräften der österreichischen Armee, die Hauptlast der Verteidigung. Bis Kriegsende setzte kein Italienischer Soldat je seinen Fuß auf Tiroler Boden.
1915 waren in Zirl die Folgen des Großbrandes von 1908 noch gut spür- und sichtbar. Im Ort gibt es fast nur mehr Frauen, Kinder und ganz Alte Menschen. Sie sind die Verantwortlichen für Haus und Hof und müssen sich um die Ernährung kümmern. Nicht nur Gefallene sind zu beklagen. Verstümmelte und traumatisierte Männer und Söhne kommen von der Front und müssen daheim versorgt werden.
Im Mai 1915 wird die allgemeine Gerichtsbarkeit abgeschafft – es herrschte Kriegsrecht und eine quasi Militärdiktatur. Das österreichische Militär requiriert rigoros alle Essensvorräte und das Vieh, nichts mehr verbleibt in Haus und Hof. Die Not ist groß!

1916 wurden bis auf das Sterbeglöckchen alle Glocken der Pfarrkirche konfisziert. Der Ort konnte den Krieg nicht mehr lange aushalten. Die Not steigert sich aber noch weiter bis ins Unermessliche.
Das 1920 von Heimkehrern errichtete Kriegerdenkmal kündet von 54 Gefallenen. Aber nicht nur bei uns gab es eine trostlose Situation.
Am Beispiel des kleinen Grenzortes Vermiglio, ein kleiner Grenzort am Tonalepass, seien auch die Leiden der Bevölkerung direkt im Grenzgebiet erwähnt! An einem Sonntag verkündet der Kaplan mit zitternder Stimme von der Kanzel die Anordnung des österreichischen Militärkommandos: „Jeder Einwohner von Vermiglio hat binnen 24 Stunden den Ort zu verlassen. Er darf 5 kg Gepäck mitnehmen, mehr ist nicht erlaubt.“ Am 24. August 1915 beginnt der traurige Exodus. Zu Fuß geht´s los ins 20 km entfernte Malé. Ziegen, Pferde, Milchvieh, Esel begleiten anfänglich noch den Treck. Die Frauen, Kinder und die Alten Menschen wissen nicht wohin diese „Reise“ gehen soll?
Sie kommen nach Mitterndorf an der Fischa (liegt ca. 30 km südöstlich von Wien). Andere Welschtiroler aus Riva, Roveretto und Val di Terrangolo folgen ihnen nach, bis das Lager Mitterndorf auf 10.000 Mann anwächst. In weiteren innerösterreichischen Lagern werden insgesamt an die 60.000 Menschen – die vom Militär als unzuverlässig eingeschätzten Welschtiroler aus den Grenzorten – eingepfercht!
Erst nach vier Jahren können die Evakuierten wieder in ihr nun völlig verwüstetes Dorf Vermiglio zurück! 70 Jahre nach Kriegsende (1988) wird in Mitterndorf ein Monument eingeweiht, das an diese leidvolle Zeit erinnern soll.
Die Bürgermeister von Vermiglio und Mitterndorf geben sich die Hand. Einer von ihnen sagt: "Für uns ist heute der Feind nicht ein bestimmtes Land – der Feind ist der Krieg." Und nach dem Motto: "Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft" wollen auch wir uns im Bewußtsein dieses Geschehenen der Zukunft widmen!
Wir wollen möglichst vieles dafür tun, daß wir auch die nächsten 70 Jahre in Frieden zusammen leben können und das unsere geteilte Heimat Tirol baldmöglichst, in irgendeiner Form, wieder zusammenfindet!

Autor: Ojg. Pepi Suitner

Quellen: Wolfgang Joly – Standschützen; Löwer, Bernhard – Die Alpenfront einst und jetzt; Eisterer, Steininger – Tirol und der I. Weltkrieg; Liechem – Gebirgskrieg Band 1; Forcher – Tirols Geschichte; Liechem – Spielhahnstoß und Edelweiß; Norbert Prantl – Zirler Heimatbuch!

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